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War da nicht was? Hat Siemens nicht
gerade erst Tausende gezwungen, länger zu arbeiten, nur um die
Kosten zu senken? Hat nicht vor einer Woche DaimlerChrysler den
Beschäftigten massive Lohnzugeständnisse abgetrotzt, um eine
halbe Milliarde Euro im Jahr zu sparen? Und nun, da alles vorbei
ist, zeigt sich, dass die Konzerne vor Gesundheit strotzen.
Siemens hat in den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres den
Gewinn nach Steuern mehr als verdoppelt. DaimlerChrysler hat das
Betriebsergebnis im ersten Halbjahr fast verdreifacht.
Es kann der Eindruck entstehen, in den Vorständen säßen
Kostenkiller, die nichts anderes im Sinne haben als Arbeitsplätze
zu vernichten. Und für einen Angestellten der Deutschen Bank, der
um seinen Job fürchtet, klingt es sicher merkwürdig, wenn sein
Arbeitgeber eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent anstrebt. Geht
es nicht bescheidener?
Die Gewinne der meisten Konzerne steigen wieder. Das gilt in
Europa wie in Deutschland und ist eine gute Nachricht, weil die
globale Krise vor allem Europa vier Jahre lang zu lähmen schien.
Fachleute erwarten bei den 30 größten börsennotierten
Aktiengesellschaften Deutschland in diesem Jahr eine
Gewinnsteigerung von 54 Prozent. Im kommenden Jahr sollen es
nochmals 22 Prozent sein. Für die größten europäischen
Unternehmen erwarten die Experten in diesem Jahr eine
Gewinnsteigerung um knapp 20 Prozent.
Was soll dann noch der massive Druck auf die Belegschaften?
Welchen Sinn haben die Debatte um die Verlängerung der
Arbeitszeiten, Hartz IV oder die Agenda 2010, wenn es mit der
Wirtschaft offenbar wieder bergauf geht?
Es geht, das ist einer der Einwände, nicht überall bergauf. Die
Deutsche Bank hat am Freitag relativ schlechte Zahlen vorgelegt:
Der Gewinn ist eingebrochen. Der Volkswagen-Konzern legt 2004 im
Dreimonatsrhythmus immer schlechtere Gewinnzahlen vor.
Auch mit der Konjunktur – der zweite Einwand – steht nicht
alles zum Besten. Hohe Ölpreise sind gegenwärtig ein
entscheidendes Risiko für die Wirtschaft. Deutschland konnte
bisher nur ungenügend vom weltweiten Wachstum profitieren; das
heißt, es sind kaum positive Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt zu
erwarten.
Für die Weltwirtschaft sind die Aussichten noch gut. Das Wachstum
könnte bei rund vier Prozent liegen. Aber auch da kommen erste
Zeichen einer Abkühlung. Für 2005 werden die Wachstumsaussichten
von vielen Ökonomen schon wieder leicht nach unten korrigiert.
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Solche Indizien belegen, dass die
Nachfrage verhalten bleibt und es für die Unternehmen nicht viele
Chancen gibt, den Umsatz zu steigern. Siemens hat in den ersten
neuen Monaten des Geschäftsjahres sogar einen Rückgang bei den
Erlösen von 0,2 Prozent hinnehmen müssen. Das ist typisch. Der
Druck auf die Unternehmen wird daher anhalten, die Gewinne durch
Kostensenkungen und Personalabbau zu erhöhen.
Einen Anreiz dazu bietet der Arbeitsmarkt. Mögen viele Rohstoffe
derzeit knapp und teuer sein. Arbeitskraft ist in Deutschland
ausreichend vorhanden. Das Heer der Arbeitslosen belegt das.
Zudem stehen in Osteuropa billige Arbeitskräfte zur Verfügung,
die gerne die Jobs übernehmen würden, die jetzt noch von
Deutschen besetzt sind. Es ist zu erwarten, dass auch der Druck
auf Löhne und Gehälter nicht nachlassen wird. Fachleute erwarten
einen Anpassungsprozess von bis zu zehn Jahren.
Für die Besitzer von Arbeitsplätzen mag es eine
Schreckensvorstellung sein, weniger zu verdienen. Dieser Sicht
aber liegt ein schiefer Wohlstandsbegriff zu Grunde, der die
Arbeitslosen ausblendet.
Wenn niedrigere Löhne und Gehälter dazu führen, dass
Arbeitslose in die Wirtschaft zurückkehren können, wäre das
wenigstens ein tröstlicher Nebeneffekt der äußerste
schmerzlichen Anpassung eines verwöhnten Landes an die grenzübergreifenden
Zwänge des Marktes.
(SZ vom 31.07.2004)
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