Schwerpunktbildung
Am vergangenen Freitag (1. Juli) hat die Deutsche Welle mit der
Umsetzung von Strukturreformen begonnen. Der staatsfinanzierte
Auslandssender will sich künftig auf Schwerpunktregionen sowie
Kernaufgaben konzentrieren und sich stärker multimedial ausrichten.
Darum verringert er zum Monatsanfang den Umfang seiner
UKW-Radiosendungen auf Bulgarisch, Griechisch, Rumänisch,
Mazedonisch und Albanisch drastisch. Auch beim Kurzwellen-Programm
nimmt die Deutsche Welle erhebliche Einschnitte vor. Als künftige
"Kernregionen", in denen "Akzente im Interesse der Außenbeziehungen
Deutschlands" gesetzt werden sollen, bestimmte der Sender die
arabische Welt und Iran, Russland, Lateinamerika, Subsahara-Afrika,
"die aufstrebenden Mächte China und Indien" sowie - "auf Grund der
hohen sicherheitspolitischen Relevanz" - Afghanistan und
Pakistan.[1] Besonders in Russland und Lateinamerika plant die
Deutsche Welle, ihre Anstrengungen zu intensivieren. "Aufgrund der
begrenzten Mittel ist eine Ausweitung von Angeboten nur möglich,
wenn Aktivitäten an anderer Stelle reduziert werden" [2], heißt es
zur Begründung für die Schwerpunktbildung. Hatten CDU/CSU und FDP im
Koalitionsvertrag noch festgehalten: "Die mediale Präsenz
Deutschlands in der Welt durch die Deutsche Welle muss verstärkt
werden" [3], so verhinderte die Finanzkrise eine Aufstockung des
Etats. Es blieb bei 273 Millionen Euro - ein Viertel des
Gesamtbudgets von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Hinzu kommen
noch zehn Millionen Euro an Projektgeldern.
Standort-Marketing
Detailliert hatte die Deutsche Welle ihre Vorstellungen in der
"Aufgabenplanung 2010 bis 2013" [4] dargelegt, die auf Basis eines
Evaluierungsberichtes entstand. Das Schriftstück hebt zunächst die
Bedeutung des Senders für die Außendarstellung der Bundesrepublik
hervor. "Deutschland als Land der Kultur und der Wissenschaften, als
export-orientiertes Land und als engagiertes Mitglied der
Völkergemeinschaft ist besonders auf globale Wahrnehmung
angewiesen", konstatiert der Bericht. Voraussetzung für den Erfolg
sei, dass Deutschland sich in der Konkurrenz zwischen den Nationen
unverwechselbar positioniere und seinen "Markenkern" herausarbeite.
Dazu sei die Deutsche Welle geeignet. Darüber hinaus wirkt sich der
Sendebetrieb dem Dokument zufolge absatzfördernd für Waren made in
Germany aus: "Mit der Berichterstattung über die deutsche Wirtschaft
folgt die DW überdies dem weltweiten Interesse an Produkten,
Technologie und Know-how aus dem Exportland Deutschland und betreibt
so auch Standort-Marketing". Weil der Sender bei seinem "Marketing"
auf zunehmende Konkurrenz aus anderen Staaten stößt - nicht nur auf
die traditionellen Rivalen BBC, France24 und Voice of America,
sondern auch auf Russia Today und Al Jazeera -, will er insbesondere
seine englischsprachigen Programme ausweiten.
Regierungsanbindung
Ende Januar 2011 nahm die Bundesregierung Stellung zu den Plänen der
Deutschen Welle. Sie empfahl dem Sender einen politischen
Handlungsrahmen, der "Regionen von besonderem Interesse" definierte
- die genannten Schwerpunktregionen - und auch konkrete
Arbeitsanweisungen gab. "Als Ergebnis des Evaluierungsberichts sieht
die Bundesregierung an, dass die Angebote der DW mehr als bisher
deutsche Auffassungen und Sichtweisen zu den Vorgängen im Zielgebiet
fokussieren sollte". Zudem verlangt die Regierung von dem Sender,
mit dem Auswärtigen Amt und den Ministerien für Wirtschaft,
Entwicklungshilfe sowie auch Verteidigung zusammenzuarbeiten. Dies
alles solle "unter Wahrung der journalistischen Unabhängigkeit"
geschehen, heißt es in offenem Widerspruch zu den genannten
inhaltlichen und organisatorischen Vorgaben. Die
Ausbildungsanstrengungen der Deutschen Welle würdigt die
Regierungskoalition ausdrücklich. Dabei geht sie davon aus, "dass
die geförderten Medienschaffenden aus Entwicklungs- und
Schwellenländern anschließend in ihrer Heimat wirken und zu Partnern
von Deutschland vor Ort werden".[5]
Globaler Wettbewerb
Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages
begrüßte die in der "Aufgabenplanung 2010 bis 2013" skizzierte
Strukturreform: "Im globalen Wettbewerb um Köpfe, Märkte und Werte"
sei etwa die Vernachlässigung des Radios zugunsten der immer
wichtiger werdenden Medien TV und Internet durchaus sinnvoll.
Deshalb empfahl er dem Bundestag die "Annahme einer Entschließung,
in der die strukturelle Neuausrichtung der Deutschen Welle
angesichts wachsender internationaler Konkurrenz, veränderten
Nutzerverhaltens und knapper finanzieller Mittel unterstützt
wird".[6]
Mit Sorge
Im Bundestag trug nur die Partei "Die Linke" den Beschluss nicht
mit. Als einzige Fraktion hatte sie auch am 7. April im Bundestag
der "Aufgabenplanung 2010 bis 2013" nicht zugestimmt.
"Pressefreiheit und unabhängiger Journalismus lassen sich nicht mit
außenpolitischen Aufgaben, die von Ministerien diktiert werden,
verbinden", sagte die Abgeordnete Kathrin Senger-Schäfer zur
Begründung.[7] Dieselbe Kritik hatte schon zuvor der Deutsche
Kulturrat geäußert. Man betrachte es "mit Sorge", dass die
Bundesregierung "das Erfordernis" formuliere, "mit den für die
deutsche Außenpolitik zuständigen Ressorts (…) zusammenzuarbeiten
und das Programm und die Zielregionen nach den Interessen der
deutschen Außenpolitik auszurichten".[8] Es müsse eine "Balance
zwischen Staatsferne und Staatsnähe gewahrt bleiben". Schon eine
solche "Balance" ist mit unabhängigem Journalismus, der Staatsnähe
nicht verträgt, unvereinbar. Die Verschiebung dieser "Balance" hin
zu noch größerer Staatsnähe zeigt, welche Bedeutung die
Bundesregierung der Deutschen Welle für die künftige Berliner
Außenpolitik beimisst.