Trotz Wirtschaftskrise: Deutschland ist immer noch stinkreich – aber fast
eine Million Menschen sind zum Überleben auf Almosen angewiesen. Da in dieser
angeblichen Wohlstandsgesellschaft Tag für Tag tonnenweise Lebensmittel
vernichtet werden, haben sich die mittlerweile 847 »Tafeln« die Aufgabe
gestellt, eine Brücke zwischen Überfluß und Mangel zu schaffen: Sie sammeln
qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, und
verteilen sie an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte – kostenlos oder zu
einem symbolischen Betrag.
Etwa 40000 Ehrenamtliche arbeiten zur Zeit bei der Beschaffung und Ausgabe von
Lebensmitteln mit, wie der Vorsitzende des »Bundesverbandes Deutsche Tafel«,
Gerd Häuser, am gestrigen Mittwoch vor Journalisten in Göttingen berichtete.
Jedes Jahr würden mehr als 130000 Tonnen Lebensmittel oder sogenannte Artikel
des täglichen Bedarfs an Bedürftige verteilt.
Schon bald könne sich die Zahl verdoppeln, befürchtet Häuser. Die
Arbeitslosenzahl drohe drastisch zu steigen, so daß spätestens 2010 sehr viel
mehr Menschen als bisher auf staatliche Transferleistungen angewiesen seien.
»Das bedeutet für die Tafeln, daß sie für für viel mehr Menschen als bisher da
sein müssen.« Die Politiker müßten größere Anstrengungen unternehmen, um die
Massenarmut zu bekämpfen.
»Der Staat muß mehr dafür tun, damit die Menschen in Arbeit kommen und daß sie
ein Einkommen erzielen, von dem sie auch leben können«, sagte Häuser. Die
staatlichen Leistungen für arme und von Armut bedrohte Menschen müßten
verbessert, insbesondere müsse der Regelsatz für Familien mit Kindern
bedarfsgerecht ermittelt werden. Zur Bekämpfung von Kinderarmut verlangt der
Verband den Ausbau der Betreuungsangebote. Für jedes Kind müsse es in der
Schule ein kostenloses Mittagessen geben.
Nach Angaben des Bundesverbandes hat die Wirtschaftskrise bislang noch keine
dramatischen Auswirkungen auf die Tafeln. Weil der Lebensmittelhandel im
Gegensatz zu anderen Branchen bislang kaum Nachfragerückgänge habe, würden
nach wie vor große Mengen einwandfreier Lebensmittel gespendet. Auch die
Bereitschaft von Bürgern und Unternehmen sei weiterhin groß, sich mit Geld-
und Sachspenden für die Tafel-Idee zu engagieren.
Trotz ungebrochener Spendenbereitschaft wird die absehbare Zunahme der
Tafel-Kunden die Einrichtungen wohl vor große Herausforderungen stellen. Der
Bundesverband will deshalb weitere Unterstützer für seine Arbeit gewinnen –
neben den Händlern auch die Produzenten von Lebensmitteln.
Über weitere Konsequenzen und Forderungen beraten mehr als 1000
Tafel-Vertreter bei einem dreitägigen Bundestreffen, das am heutigen
Donnerstag in Göttingen beginnt. Da Ende September ein neuer Bundestag gewählt
wird, versuchen ausgerechnet die Politiker, die die Armut in diesem Lande mit
zu verschulden habe, sich an die Armutsbekämpfer anzubiedern: allen voran
SPD-Chef Franz Müntefering und Jürgen Trittin von den Grünen. Auch
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und Niedersachsens
Ministerpräsident Christian Wulff (beide CDU) wollen sich bei den Tafel-Tagen
blicken lassen.