Subprime-Kredite
Wie die Deutsche Bank mit
US-Hausbesitzern kämpft
Die Frankfurter wollten auf dem
US-Immobilienmarkt das große Rad drehen und ernteten nichts als Ärger. Hart wie
kaum ein anderer gehen sie gegen Hausbesitzer vor, die ihre Schulden nicht
bezahlen. Jetzt hagelt es Proteste und Niederlagen vor Gericht. von Sebastian Bräuer
Hildreth und Vanita Brewington
sind der perfekte Gegenbeweis. Der perfekte Gegenbeweis zu der gern geäußerten
Behauptung, an der Weltwirtschaftskrise seien amerikanische Kleinbürger schuld,
die maßlos über ihre Verhältnisse lebten. Seit 1996 teilen sich die Brewington-Geschwister ein Häuschen in Dorchester,
mitten im hässlichen Speckgürtel Bostons, mitten im sozialen Brennpunkt. Wenn
es regnet, muss Vanita Eimer aufstellen: Das Dach ist
seit Jahren undicht. Monat für Monat kratzten die Brewingtons
1000 Dollar zusammen, um die Hypothek für die Bruchbude zu bezahlen. Sie können
das belegen.
Hintertür
wurde das Institut zu einem der größten Akteure auf dem US-Immobilienmarkt
Im
Januar 2005 drängte eine windige Maklerin Hildreth,
einen Schriftsatz zu unterschreiben. "Sie hat gesagt, dass es um eine Versicherung
geht", behauptet er. Der heute 69 Jahre alte Afroamerikaner, der unter
einer angeborenen Sehbehinderung leidet und deswegen kaum lesen kann,
unterschrieb. Es war eine neue Hypothek von Indymac,
die den alten Kredit ersetzte, mit einem Endbetrag, der den Wert des Hauses in Dorchester bei Weitem übertraf. Neuer Monatssatz: mehr als
2000 Dollar.
Indymac rutschte wegen Tausender Abzockergeschäfte dieser Art in die Pleite.
Doch vorher landete die neue Hypothek der Brewingtons
in einem Pool, wurde verbrieft und an internationale Investoren verkauft. Jetzt
heißt es: Brewington gegen Deutsche Bank. So sieht es
zumindest ihre Anwältin Nadine Cohen.
Die
Deutsche Bank witterte in den Boomjahren die Chance, an Immobiliengeschäften
mitzuverdienen, ohne sich selbst mit Subprime-Krediten die Finger schmutzig zu
machen: Sie übernahm gegen Gebühren die Rolle des Treuhänders, also des
Interessenvertreters der in aller Welt verstreuten Anleger der Kreditvehikel.
Das
Institut, das in den meisten US-Bundesstaaten keine Niederlassungen betreibt,
wurde so durch die Hintertür zu einem der größten Akteure auf dem
amerikanischen Immobilienmarkt. Mit etwa 1900 Verbriefungen hantiert die Bank,
dazu gehören mehr als eine Million unterlegter Hypotheken, geschätztes Volumen:
mehr als eine Billion Dollar.
Eine
siebenstellige Zahl von US-Haushalten sieht sich jetzt mit einem Institut
konfrontiert, von dem viele noch nie gehört und mit dem die meisten nie einen
Vertrag abgeschlossen haben. Und die Deutsche Bank geht so hart vor wie kaum
eine andere in den USA, lässt zwangsräumen, führt einen Prozess nach dem
anderen. Mittlerweile formieren sich Bürgerproteste, und die Praxis stößt auch
bei den Gerichten auf Widerstand. Nach Capital-Informationen
erwägt sogar die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen.
Die Deutsche Bank in einem Dilemma
Auch
die Brewingtons kannten die Deutsche Bank nicht,
leben aber laut Anwältin Cohen ihretwegen in ständiger Angst vor einer
Zwangsräumung. Als es im März 2008 zum ersten Mal fast so weit war, stellten
sie ihre Möbel in den Eingangsbereich und hängten die Bilder von den Wänden.
Seitdem haben sie das Haus nicht mehr wohnlich eingerichtet. "Manchmal
werde ich morgens um zwei Uhr wach und denke, dass sie kommen", sagt Vanita. Wohin sie ziehen würde? Schulterzucken.
Die
Anwältin Nadine Cohen versucht alles, um die Obdachlosigkeit der beiden zu
verhindern. Angehörige würden das Haus der verschuldeten Geschwister kaufen.
Auch eine lokale Non-Profit-Bank. Doch Cohen sagt,
sie beiße bei den Anwälten der Gegenseite auf Granit: "Die Deutsche Bank
scheint offenbar an einer Bestrafung interessiert." Kein Institut gehe
unnachgiebiger gegen Schuldner vor. Eine Einschätzung, die von Anwaltskollegen
in vielen Bundesstaaten geteilt wird. Zigtausende Vollstreckungsbescheide von Massachusetts
bis Florida und von New York bis Kalifornien sprechen eine deutliche Sprache.
"Jeder fragt sich, was sie antreibt", sagt Cohen. "Die Chancen
stehen schlecht, das Haus neu zu verkaufen."
Die
Deutsche Bank steckt in einem Dilemma: US-Großbanken, die ähnlich stark auf dem
Immobilienmarkt involviert sind, haben in den vergangenen Monaten ihre
Strategie der dramatischen Lage angepasst. Die Citigroup
und die Bank of America etwa kommen ihren Kunden mit Hypothekenumwandlungen
entgegen, um Zwangsräumungen zu vermeiden. Der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae wandelt sogar Kauf- in Mietverhältnisse um.
Als
Treuhänder ist die Deutsche Bank in einer anderen Position als die Institute,
die eine direkte Geschäftsbeziehung mit den Hausbewohnern haben. Sie trägt zwar
kein eigenes Verlustrisiko, aber: "Die Deutsche Bank wird von ihren
Investoren stark unter Druck gesetzt und gibt den Druck an die Hausbesitzer
weiter", sagt Glenn Russell, Anwalt aus Fall River, Massachusetts,
spezialisiert auf Immobilienrecht und das Anfechten von Zwangsvollstreckungen.
70 Prozent seiner Klienten hätten Ärger mit der Deutschen Bank, sagt er.
Deutsche Bank selbst Kläger
Bürgerrechtlern
von Organisationen wie City Life sind feingliedrige Treuhänderproblematiken
egal. Als die Brewingtons einen
Vollstreckungsbescheid im Briefkasten hatten, trommelte City Life 100 Menschen
zu einer Demonstration gegen die Deutsche Bank zusammen. Die Räumung wurde
verschoben. Kurz darauf eskalierten die Proteste am Rande eines Deutsche-Bank-Galadinners im Four
Seasons Hotel in Boston. Demonstranten wollten den
Festsaal stürmen.
Steve
Meacham war Busfahrer und Matrose, jetzt macht er
Widerstand gegen Großbanken. Er ist Anführer der Aufsässigen. In zwölf Fällen
sei es bereits gelungen, Zwangsräumungen mit Blockaden zu verhindern, sagt er.
Neuerdings versammelt Meacham seine Gefolgsleute
samstags in einer stillgelegten Fabrikhalle in Boston, um sie auf weitere
Proteste einzuschwören. Es werden jede Woche mehr. Meacham
brüllt: "Was macht ihr, wenn euch eure Bank attackiert? – Aufstehen und
kämpfen!"
Im
Gespräch gibt sich Meacham überraschend pragmatisch,
fordert Zinssenkungen oder die Umwandlung von Hypotheken. Was ihn wie viele
Amerikaner an der Deutschen Bank besonders ärgert: Im vergangenen Herbst wurden
dem Institut bei der Rettung des Versicherers AIG Verbindlichkeiten in Höhe von
11,8 Milliarden Dollar ausgezahlt. Meacham: "Die
Deutsche Bank erhält amerikanische Steuergelder und wirft gleichzeitig
Amerikaner aus ihren Häusern."
Der
Mann, der bei der Deutschen Bank für die 1900 Verbriefungen und damit auch für
das Eintreiben der Schulden verantwortlich ist, heißt David Co. Er ist 42 und
arbeitet im kalifornischen Santa Ana. "Als Treuhänder repräsentieren wir
die Investoren und haben die Pflicht, ihre Interessen zu vertreten", sagt
er am Telefon, die Stimme entwaffnend sanft.
Die
Frage, ob es ein Fehler war, sich so stark auf dem Immobilienmarkt zu
engagieren, möchte er nicht beantworten. Lieber erzählt er von seinen
Bemühungen, Hausbesitzer und Politiker über das komplizierte
Immobilien-Business aufzuklären. Immer wieder ist er in den USA auf Reisen, um
nach neuen Zwangsvollstreckungswellen zu beschwichtigen. Die Krise hat den
Banker zum Diplomaten gemacht. Die Verantwortung für die Härte der Zwangsvollstreckungen
schiebt Co den Inkassodienstleistern zu. "Sie
haben die Pflicht, die Verluste zu minimieren, und der Treuhänder greift nicht
in den Entscheidungsprozess ein."
Klingt
plausibel. Wären da nicht Vollstreckungsbescheide, in denen die Deutsche Bank
selbst als Kläger steht. Wie in Missouri, wo sich ein weiteres lokales
PR-Debakel ereignet. In diesem Bundesstaat ist nicht einmal ein richterlicher
Beschluss nötig, um eine Zwangsvollstreckung einzuleiten. Entsprechend schnell
werden säumige Schuldner aus ihren Häusern geworfen.
"Die Deutsche Bank lässt die Stadt verrotten"
Mit
der Folge, dass im krisengeplagten Kansas City
inzwischen ganze Straßenblocks aussehen wie nach einer Seuche: Wenn sich keine
Käufer finden, bleiben die Häuser einfach unbewohnt, manchmal jahrelang. Laut
der Rechtshilfeorganisation Legal Aid of Western
Missouri steht die Deutsche Bank hinter Hunderten Zwangsräumungen und hat so
viele Vollstreckungsbescheide erwirkt wie keine andere Bank.
Die
wiederum beharrt darauf, dass hier die Inkassofirmen zuständig seien. Im
Interesse der Investoren, auf die sich das Institut beruft, dürfte der harte
Kurs kaum sein: Der Zustand der Häuser verschlechtert sich, je länger sie leer
stehen. Legal Aid listet akribisch Schäden auf: Mal
sind die Scheiben eingeschlagen, mal hat ein Schwelbrand den Wert der Immobilie
gemindert. Das Stadtmagazin "The Pitch" titelte: "Die Deutsche Bank lässt die
Stadt verrotten". Co hatte einiges zu tun.
Mehr
und mehr häufen sich jetzt auch juristische Niederlagen, die noch schmerzhafter
sind als der Imageschaden. Schon im November 2007 wies ein Richter in Cleveland
im Bundesstaat Ohio Vollstreckungsklagen gegen 15 Schuldner zurück, weil die
Deutsche Bank nicht nachweisen konnte, die Hypotheken überhaupt zu besitzen.
Handel mit faulen Krediten
Ähnlich
lief es bereits mehrfach in New York. Die Richter hauen der Deutschen Bank
reihenweise ihre Argumentation um die Ohren. "Der Kläger hat
fälschlicherweise vorgegeben, der Besitzer der Hypothek zu sein, um in
betrügerischer Weise tätig zu werden", donnert Richter Martin Schneier in seiner Begründung für den Stopp einer
Zwangsvollstreckung. Kollege Arthur Schack, in der
"New York Times" als Don Quichotte aus Brooklyn gefeiert, schob einer
Ablehnung eine Belehrung hinterher: "Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen
müssen bei Zwangsvollstreckungen dieselben Regeln befolgen wie
Lokalbanken."
Im
betreffenden Fall hatten die Deutsche Bank und Goldman Sachs einen faulen
Kredit mehrfach hin- und hergeschoben. In Connecticut
wurde fast in letzter Minute die Zwangsräumung eines kompletten
Mehrfamilienhauses gestoppt: Nicht die Bewohner waren im Zahlungsverzug,
sondern ihr Vermieter. Auch diesen Fall schiebt die Deutsche Bank auf den
Geldeintreiber.
"Gehandelt wie Baseballkarten"
Steve
Dibert wundert sich nicht, dass die Deutsche Bank aus
den amerikanischen Gerichtsstuben zunehmend Gegenwind bekommt. Der Mann aus
Miami war früher Hypothekenmakler, heute ist er Ermittler in Sachen
Hypothekenbetrug. "Die Darlehen wurden gehandelt wie Baseballkarten",
berichtet er.
"Deswegen
kann die Deutsche Bank heute so selten nachweisen, die Hypothek wirklich zu
besitzen, wenn eine Zwangsvollstreckung vor Gericht hinterfragt wird." In
fast jedem zweiten Betrugsfall, in dem seine Firma ermittle, sei die Deutsche
Bank als Treuhänder im Spiel. Dibert: "Oft
scheint das Management der Deutschen Bank auf dem Zweitmarkt wertlose
Verbriefungen gekauft zu haben." Die Deutsche Bank äußert sich dazu nicht.
Die
Blue Boys passen ihre Taktik an: In der laufenden Klage gegen einen
Hausbesitzer in Orlando gibt sie in vorauseilendem Gehorsam zu, nicht im Besitz
des Schuldscheins zu sein. Er sei verloren, gestohlen oder zerstört, schreiben
die externen Anwälte von der Kanzlei Shapiro & Fishman. Im nächsten Paragrafen heißt es trotzig: "Der
Kläger hat das Recht, tätig zu werden, wenn der Schein verloren oder zerstört
ist."
Eine
Reihe von Richtern hat Argumentationen dieser Art bereits zurückgewiesen. Der
Imageschaden wird mit jeder Niederlage größer, der finanzielle Schaden ist nicht
absehbar. Zu allem Überfluss droht nun Ärger mit der Börsenaufsicht SEC, die
offenbar Ermittlungen gegen die Deutsche Bank erwägt, was diese nicht
kommentieren will.
Mindestens
ein amerikanischer Anwalt wurde nach Informationen dieses Magazins Mitte November
in die SEC-Zentrale in Washington bestellt, um seine Erkenntnisse über das
Engagement des Instituts auf dem Verbriefungsmarkt offenzulegen.
Was es bedeuten kann, wenn US-Behörden in Folge vieler kleiner Ungereimtheiten
einen ausländischen Konzern unter die Lupe nehmen, zeigen die Beispiele Siemens
und UBS. Ob die Deutsche Bank den Gegenbeweis antreten kann?