* Leo Mayer ist Mitglied des DKP-Parteivorstandes und ehemaliger
Betriebsrat im Münchner Siemens-Werk Hofmannstraße
Die deutsche Tochter des Handyherstellers BenQ, erst seit
Oktober 2005 im Besitz der taiwanesischen Mutter, hat Konkurs
angemeldet. Der Betriebsrat sieht die Belegschaft vom
Vorbesitzer Siemens »arglistig getäuscht«. Weshalb?
Die Mitarbeiter in der Handyfertigung hatten einem Ergänzungstarifvertrag
zugestimmt, der eine unbezahlte Arbeitszeitverlängerung von fünf
Stunden in der Woche und einen zusätzlichen Gehaltsverzicht von
15 bis 30 Prozent vorsah. Dafür hatten sie das Versprechen
bekommen, daß der Betrieb eine Perspektive haben würde. Nach
einem knappen Jahr ist nun alles aus, und die Kollegen sind
doppelt gekniffen. Sie haben fünf Stunden in der Woche
unbezahlt gearbeitet, und der Arbeitsplatz ist doch nicht
sicher. Außerdem bezieht sich das Arbeitslosengeld, das sie
jetzt erhalten, auf die niedrigeren Einkommen. Das zeigt, daß
diese Ergänzungstarifverträge hinfällig sind, wenn es ernst
wird.
Das Ganze ist sowohl für BenQ als auch für Siemens ein großartiger
Deal: Siemens hat zwar BenQ eine ziemlich große Summe gezahlt,
damit das Unternehmen seine Handysparte übernimmt. Aber Siemens
muß sich um keine teuren Sozialpläne kümmern und kann die
Drecksarbeit BenQ überlassen. Auch für die ist es ein guter
Deal– zum einen wegen des Geldes, das sie von Siemens bekommen
haben, zum anderen, weil ein Konkurrent aus dem Weg geräumt und
zugleich Technologie eingekauft wurde.
Welche Möglichkeiten haben die BenQ-Beschäftigten, sich gegen
den Konkurs zu wehren?
Das ist nicht einfach. Am Freitag gab es eine Demonstration vor
der Konzernzentrale von Siemens in München. Siemens trägt
letztlich die Verantwortung, und BenQ sitzt in Taipeh auf
Taiwan, wo es schlecht zu erreichen ist. Außerdem läßt der
Vorgang nichts Gutes für die Ausgliederungen erwarten, die zum
1. Oktober erfolgen sollen. Deshalb hat die IG Metall die Beschäftigten
aller Siemens-Werke zum Protest aufgerufen.
Um welche Ausgliederungen handelt es sich?
Zum 1. Oktober stößt Siemens seinen kompletten Telekommunikationsbereich
ab. Ein Teil wird an eine mit Nokia geführte GmbH gehen. Was
aus dem Rest wird, ist offen. Der könnte z. B. auch von einem
Finanzinvestor gekauft werden.
Wie sieht es mit internationaler Solidarität aus? Haben die
Kollegen von BenQ Verbindungen zu Belegschaften in anderen Ländern?
Durch den Arbeitsprozeß gibt es auch Verbindungen zu den
Mitarbeitern in anderen Ländern, aber hier in München in der
Entwicklung gibt es das Problem, daß die Belegschaft sehr
schlecht gewerkschaftlich organisiert ist. In Kamp-Lintfort
sieht es etwas besser aus. Allerdings gibt es allgemein das
Dilemma, daß zwar durch den Arbeitsprozeß die
Internationalisierung vorangetrieben und in der täglichen
Arbeit spürbar wird, es aber noch nicht gelingt, das in den
Aufbau internationaler Gegenmacht umzusetzen.
Was müßte konkret passieren, um das zu ändern?
Zum einen müßten sich die Beschäftigten der Mittel bewußt
werden, die ihnen die multinationalen Unternehmen in die Hand
geben. Die internationale Zusammenarbeit ist nichts Abstraktes
mehr, sondern greift in diesen Branchen in den täglichen
Arbeitsprozeß ein. Die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen
Ländern ist heute vollkommen normal. Dem steht natürlich
entgegen, daß die Bedingungen etwa in Indien, Taiwan oder
Deutschland sehr unterschiedlich sind. Daraus resultieren
unterschiedliche Interessen, und die Konzerne versuchen, das
durch interne Standortkonkurrenz zu verstärken.
Was bedeuten die Ausgliederungen für den Siemens-Konzern?
München war einmal der größte Siemens-Standort, doch nach dem
1. Oktober wird es kaum noch Siemens-Angestellte in der Stadt
geben. Der Computerbereich wurde bereits an Siemens-Fujitsu
abgegeben. Nun ist der Telekommunikationsbereich mit weltweit
40000 bis 50000 Beschäftigten dran. Der größere Teil geht in
das Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia, der Rest wird in eine »Park-GmbH«
gesteckt. Der Konzern will sich auf Infrastruktur konzentrieren,
das heißt auf Wasser-, Verkehrs-, Energie- und Medizintechnik.
Interview: Wolfgang Pomrehn