Kanzler
und Parteichef der SPD gehen mit unterschiedlichen Botschaften in die Wochen des
NRW-Wahlkampfs
Was
nur Rhetorik ist, was ernsthafte Politik und was konkrete Absicht: Bei der SPD
ist das wieder mal schwer zu unterscheiden. In NRW sucht sie Distanz zu den
Grünen, im Bund setzt der Parteichef verbal linke Akzente. Der Kanzler laviert
zwischen Avancen und Mahnungen für die Wirtschaft.
Berlin · 15. April
· Nach den neuesten Abstürzen in den Meinungsumfragen wachsen auch in der
Bundes-SPD langsam die Zweifel, ob die rot-grüne Mehrheit in Nordrhein-Westfalen
am 22. Mai noch verteidigt werden kann. Neue Versuche des
nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück (SPD), sich von der
alleinigen Bündnisoption Rot-Grün abzugrenzen, um ehemalige Schröder-Wähler zur
Partei zurückzuholen, gelten dabei in Berlin als riskant. Denn damit drohen auf
dem linken Flügel weitere Stammwähler abzuwandern.
Vor diesem Hintergrund
wird im Bund jetzt auf verstärkte Arbeitsteilung zwischen Kanzler und Parteichef
gesetzt. Kanzler Gerhard Schröder forciert die Regierungsaktivitäten
(Job-Gipfel), bietet der Wirtschaft Unternehmensteuersenkungen an und mahnt sie
gleichzeitig zu Investitionen in Deutschland. Parteichef Franz Müntefering
wettert gegen demokratiegefährdende "international forcierte
Profitmaximierungs-Strategien" und "international wachsende Macht des Kapitals"
- wenn auch nur grundsätzlich, ohne konkrete Handlungsideen.
Diese
Rollenteilung ist im Prinzip zwar abgesprochen. Aber schon mehrfach war, mangels
Absprache im Detail, der Argumentationsunterschied zwischen Schröder und
Müntefering nun so groß, dass daraus ein Gegensatz wurde. Schon im Vorfeld des
Job-Gipfels hatte Müntefering die Avancen der CDU anfangs sehr negativ
kommentiert, während der Kanzler darauf einging. Diese Woche passte Münteferings
kapitalismuskritische Grundsatzrede (es ging um das SPD-Langfristprogramm, nicht
um die Tagespolitik) nicht zu den wirtschaftsfreundlichen Signalen der
SPD-Regierungschefs in Düsseldorf und im Bund. Die wohlwollende Interpretation
aus der Regierungszentrale lautet: Bis zur Bundestagswahl 2006 müsse zwischen
Schröder und Müntefering jetzt jener "Dualismus" wieder aufgebaut werden, der
die SPD 1998 einst zwischen Schröder und Oskar Lafontaine spannend machte. Denn
die Partei könne ihre verunsicherte Wählerschaft nur dann wieder mobilisieren,
"wenn das Spektrum möglichst breit ist". Wenn es also auch glaubwürdige linke
Akzente gibt.
Hinsichtlich der Aufmerksamkeit der Medien, wo auch
abstrakte Grundsatzreden schnell als Beiträge zur Tagespolitik transportiert
werden, hat das diese Woche funktioniert. Von Schröders Regierungssprecher kommt
zudem das gelassene Echo, letztlich seien die beiden Spitzenleute sich doch im
Ziel einig: Die Wirtschaft müsse zu Investitionen in Arbeitsplätze gedrängt
werden. Letztlich bleiben als Partner für diese Politik aber doch wieder nur
dieselben Grünen, von denen sich NRW-Chef Steinbrück derzeit taktisch absetzt.
Womit die Glaubwürdigkeit des mühsam produzierten Profils in Frage
steht.
Spekulationen
um Lafontaine
Es gibt noch ein mögliches Motiv für den Versuch
Münteferings, links "die Räume eng" zu machen: Der SPD-Bundestagsabgeordnete und
Hartz-IV-Gegner Ottmar Schreiner hat bestätigt, dass Ex-Parteichef Oskar
Lafontaine demnächst aus der SPD austreten könnte. Am 28. April tritt Lafontaine
als Podiumsteilnehmer in einer Veranstaltung der linken "Wahlalternative" in NRW
auf - was die SPD eigentlich zu ignorieren gedachte, um die Publizität nicht zu
mehren. Nach Worten Schreiners kommt als Austrittsdatum Ende Mai - nach der Wahl
in Nordrhein-Westfalen - in Frage. Andere spekulieren auch über ein Datum vor
dieser Wahl.
Und was den Zusammenhang herstellt: Schreiner, selbst schon
mal als Austrittskandidat gehandelt, nennt Münteferings linke
Profilierungsversuche angesichts der realen SPD-Politik grotesk.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am
15.04.2005 um 17:04:29 Uhr
Erscheinungsdatum 16.04.2005
