16.06.2010 / Titel / Seite 1
Arme werden ärmer
Die Kritiker der »Sparpolitik« der Bundesregierung aus
Oppositionsparteien, Gewerschaften und Sozialverbänden haben am Dienstag
Schützenhilfe von unerwarteter Seite erhalte. Eine vom Deutschen
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gestern veröffentlichte Studie
kommt zu dem Ergebnis, daß die Einkommensschere in Deutschland weiter
auseinandergeht und die sogenannte Mittelschicht erodiert. Die Studie
basiert auf den Daten des repräsentativen sozioökonomischen Panels,
einer seit 1984 laufenden Langzeitbefragung von mehr als 10000
Haushalten zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit.
Laut der Studie ist der Anteil relativ oder absolut armer Menschen an
der Gesamtbevölkerung zwischen 2004 und 2009 um drei Prozentpunkte auf
22 Prozent gesteigen. Als arm gilt beispielsweise ein Singlehaushalt mit
einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 860 Euro. Der Anteil
relativ oder absolut reicher Menschen ist zwar aufgrund der Finanz- und
Wirtschaftskrise 2009 leicht zurückgegangen, hatte aber bis 2008 eine
ähnliche Steigerungsrate zu verzeichnen. Die sogenannte Mittelschicht
ist entsprechend geschrumpft. Als noch gravierender sehen es die
DIW-Forscher an, daß die Abstände zwischen den Gruppen noch wesentlich
größer geworden sind. Während die Durchschnittseinkommen in der Gruppe
der Reichen beträchtlich stiegen, sanken sie bei den Armen im
Erhebungszeitraum zwischen 2000 und 2009 für einen Singlehaushalt von
680 auf 645 Euro. Vor diesem Hintergrund kritisierte einer der Autoren
der Studie, Jan Goebel, am Dienstag auch das »Sparpaket« der
Bundesregierung. »Die bisher gemachten Vorschläge betreffen nur die
unteren Einkommen. Der Anteil der Reichen aber steigt stetig und sie
verdienen auch immer besser. Da stellt sich schon die Frage, ob diese
Gruppe nicht auch einen Beitrag leisten sollte«, so Goebel in Berlin.
Der DIW-Forscher befürchtet »große Gefahren für die gesellschaftliche
Stabilität«, wenn der Trend zur Einkommenspolarisierung und zur Erosion
der Mittelschicht nicht umgekehrt werde.
Der Vorsitzende der Partei Die Linke, Klaus Ernst, forderte in seiner
Reaktion auf die Studie einen »sofortigen steuer- und
verteilungspolitischen Kurswechsel«. Dazu gehörten ein gesetzlicher
Mindestlohn von zehn Euro, ein höherer Spitzensteuersatz und eine
Millionärssteuer, um die Einnahmen des Staates grundlegend zu
verbessern. Gleichzeitig müßten die Profiteure der Krise durch eine
Bankenabgabe und eine Finanztransaktionssteuer an deren Kosten beteiligt
werden.
Das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC forderte die Bundesregierung
auf, angesichts der erschreckenden Ergebnisse der Studie ihre
Kürzungspläne zu revidieren. »Die wachsende Ungleichheit ist sozialer
Sprengstoff. Mit dem Sparpaket läuft die Bundesregierung Gefahr, ihn zu
zünden«, sagte Steffen Stierle vom Koordinierungskreis. Das Wegbrechen
der Mittelschicht sei »ein riesiges Problem für die Volkswirtschaft und
für die Demokratie«. Es sei »purer Zynismus«, wenn Hartz-IV-Empfänger 30
Milliarden der geplanten Etatkürzungen tragen sollten, Wirtschaft und
Finanzsektor zusammen aber nicht mal zehn Milliarden. Ähnlich äußerten
sich Vertreter von Gewerkschaften und Sozialverbänden.
Regierungspolitiker zeigten sich dagegen ungerührt. Der Chef der
CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, nannte die Studie
zwar »besorgniserregend«. Dennoch würden die Vorhaben »in allen Punkten
umgesetzt, da gibt es nichts zu wackeln«.
jW-Bericht