|
 |
|
06.01.2005
|
| Junge Welt |
| Interview |
| Interview: Ralf Wurzbacher |
| |
| »In drei Jahren gingen 50000 Ausbildungsplätze
verloren« |
| |
| Minusrekorde beim Angebot betrieblicher Ausbildungsplätze.
Aus dem aktuellen Jahrgang beginnt nur jeder zweite Jugendliche
eine Lehre. Ein Gespräch mit Volker Scharlowsky |
| |
* Volker Scharlowsky ist Abteilungsleiter für Bildung
und Qualifizierung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
F: Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) bestätigt die Zahl der
neuen Ausbildungsverträge »eindrucksvoll den Erfolg des
Ausbildungspaktes« zwischen Bundesregierung und Wirtschaft. Nach
Einschätzung des DGB ist die Lage am Lehrstellenmarkt »nach wie
vor schlecht«. Wer sagt hier die Unwahrheit?
Keiner, aber Wahrheit ist offenbar relativ. Die niedrig gelegte Meßlatte
in den Verabredungen des Ausbildungspaktes ist erreicht worden.
Dazu haben Bund und BA viel beigetragen. Aber: Was ist mit den
Jugendlichen und den bei ihnen durch den Pakt geweckten
Hoffnungen? Für sie hat sich das Ausbildungsangebot weiter
verschlechtert.
F: Also ist alles nur eine Frage der Interpretation?
Eher eine Frage der »selektiven Veröffentlichungspraxis«.
Tatsache bleibt, daß sich allenfalls ein Viertel der Betriebe an
der Ausbildung beteiligt, und daß über 50 Prozent der jungen
Menschen, die eine betriebliche Ausbildung suchen, sich Jahr für
Jahr anderweitig orientieren müssen. 13 Prozent bleiben ohne
Schulabschluß, etwa 14 Prozent ohne abgeschlossene
Berufsausbildung. Das betraf im vorletzten Jahr 1,36 Millionen der
20- bis 29jährigen.
F: Nach Angaben der BA wurden 2004 knapp drei Prozent mehr
Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. Gibt das nicht
zu hoffen?
Ich halte es auch für positiv, wenn weniger unvermittelte
Jugendliche und weniger unbesetzte Ausbildungsplätze am Ende
eines Vermittlungsjahres zurückbleiben. Aber: In den letzten
Jahren hat das betriebliche Ausbildungsplatzangebot einen
Minusrekord nach dem anderen aufgestellt. Innerhalb von nur drei
Jahren sind über 50000 Ausbildungsplätze verlorengegangen. Da
ist wenig Platz für Jubelmeldungen.
F: Wieviel hat die private Wirtschaft zum Lehrstellenzuwachs
beigetragen, wieviel die öffentliche Hand?
Bund, Länder und BA engagieren sich zunehmend mit Geld und
Ausbildungsmöglichkeiten. Dazu gehören die vielen Ausbildungsplätze,
die öffentlich gefördert werden, rund 70 Prozent in den neuen Ländern.
Dazu gehört der massive Ausbau der berufsbildenden Schulen durch
die Länder oder auch die Finanzierung der
Einstiegsqualifikationen über die BA, rund 250 Millionen Euro jährlich.
Zugegeben: Die Wirtschaftsverbände, die Kammern und auch viele
Politiker haben sich bei der Ausbildungsplatzwerbung sehr
engagiert. Aber insgesamt ist das Engagement für Aus- und auch für
Weiterbildung in den Unternehmen seit Jahren restriktiv gehandhabt
worden.
F: Was hat es mit den betrieblichen Einstiegsqualifizierungen auf
sich, von denen die Unternehmen in der Nachvermittlungsphase 31
500 bereitgestellt haben sollen?
Einstiegsqualifizierungen sind keine Ausbildung, sie müssen noch
nicht einmal auf eine anschließende Ausbildung angerechnet
werden.
F: Wie viele Jugendliche sind nach Ihren Erfahrungen in diesen und
ähnlichen Maßnahmen »geparkt«?
Aus dem aktuellen Jahrgang haben weniger als 50 Prozent eine
betriebliche Ausbildung begonnen. Knapp 80000 suchen ohne jede
Ausbildung Arbeit oder haben sie aufgenommen; etwa 200000 gehen in
weiterführende Schulen oder berufsvorbereitende Maßnahmen. Die
meisten von ihnen werden im Laufe dieses Jahres wieder versuchen,
einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Ihre Qualifizierungszeiten
werden länger, ohne daß ihre Chancen größer würden.
F: Das Thema Ausbildungsplatzabgabe ist also aktueller denn je?
Die Ausbildungsplatzumlage – ob als tarifliche Regelung, als
Branchenregelung oder auf gesetzlicher Grundlage – ist eindeutig
systemadäquat. Sie wäre verbindlich, verläßlich und würde
mehr Ausbildungsbereitschaft erzeugen. |
 |
|