Von Edith Bartelmus-Scholich
Am 13. März 2003 präsentierte Bundeskanzler
Gerhard Schröder im Bundestag sein neoliberales Umbauprogramm der
Agenda 2010. SPD und GRÜNE würden dies gern feiern, aber sie trauen
sich nicht so recht. Zum Einen liest sich die Bilanz der Agenda wie
ein Katalog der Misserfolge und zum anderen kommt eine Botschaft als
Folge der Agenda immer mehr an: Ein Politikwechsel ist notwendig!
"Wir werden Leistungen des Staates kürzen,
Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem
Einzelnen abfordern müssen. Und unser Grundsatz wird sein: Wir
können nur das verteilen, was wir vorher erwirtschaftet haben." Mit
diesen Worten leitete Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 14.
März 2003 seinen "Reformkurs für Deutschland" ein. Hinter dem
Schlagwort Agenda 2010 verbarg sich ein Maßnahmenpaket, mit dem die
Sozialsysteme und das Arbeitsrecht geschliffen, die Löhne gesenkt,
die Erwerbslosen ausgehungert und entrechtet und die Umverteilung
des Reichtums von unten nach oben voran getrieben wurden.
Die Arbeitsmarktreformen waren das Kernstück der
Agenda. Die Regierung kürzte die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes,
außerdem schaffte sie die Arbeitslosenhilfe ab. Mit dem neuen
Arbeitslosengeld II , "Hartz IV" genannt, erhielten
Langzeitarbeitslose weit weniger Geld als vorher. Dadurch wurde bei
einem Stand von mehr als 4 Millionen Erwerbslosen der Druck eine
jede angebotene Beschäftigung egal zu welchem, Lohn aufgebaut. Unter
dem Motto "Fördern und Fordern" wurde ein System der Entrechtung und
willkürlichen Sanktionierung der Erwerbslosen über die Bundesagentur
für Arbeit und die ARGEn aufgebaut. Mit der Einführung von so
genannten Ein-Euro-Jobs wurde ein System des Arbeitszwangs
geschaffen. Zusätzlich wurde der Kündigungsschutz weiter
aufgeweicht.
Ziel der Reform der Krankenversicherung war, den
durchschnittlichen Krankenkassenbeitrag von damals 14,4 auf unter 13
Prozent zu senken. Dies misslang, obwohl die Krankenkassen seitdem
weniger Leistungen erbringen, wodurch sie Milliardensummen sparen.
Den Versicherten wurden höhere Zuzahlungen und die Praxisgebühr
von zehn Euro pro Quartal aufgebürdet. Seit 2005 muss Zahnersatz
extra versichert werden. Der durchschnittliche je zur Hälfte von
Arbeitgebern und Beschäftigten bezahlte Beitragssatz liegt derzeit
bei knapp 14 Prozent.
Zu Lasten der Rentnerinnen und Rentner gab es
mehrere mittel- und langfristig wirkende Eingriffe in die
Rentenversicherung: Folge waren drei Renten-Nullrunden in den Jahren
2004 bis 2006. Zwischenzeitlich wurde zusätzlich das
Renteneinstiegsalter auf 67 Jahre erhöht.
Parallel zur "Agenda 2010" wurde bereits seit
2000 eine "Reform der Unternehmenssteuern" betrieben. Dadurch
fehlten zwischen 2001 und 2007 jährlich zwischen 6 und 7 Milliarden
Euro in den öffentlichen Kassen. Dennoch wurden Anfang 2008 die
Steuersätze für Unternehmen noch einmal deutlich gesenkt.
Die Ergebnisse der neoliberalen Agendapolitik
sind volkswirtschaftlich und sozial eine Katastrophe. Durch die
Einbrüche in den öffentlichen Kassen stieg der Druck weiter
Sozialleistungen zu kürzen und Unternehmen in öffentlicher Hand zu
privatisieren. Ein wahrer Ausverkauf öffentlichen Eigentums zu
Schleuderpreisen setzte ein. Durch die Kürzung der
Transferleistungen, den Druck auf die Reallöhne und ein erhöhtes
Bedürfnis weiter Kreise der Bevölkerung finanzielle Rücklagen zu
schaffen, ging die Binnennachfrage nochmals zurück. Die Folge war
weiterer Arbeitsplatzabbau in Handel und Dienstleistung. Auch
während des Aufschwungs in den Jahren 2006 und 2007 wurden jährlich
nur ca. 300.000 Arbeitsplätze geschaffen und die Reallöhne sanken
weiter. Die Deregulierung des Arbeitsmarktes und die Förderung von
Minijobs, Leiharbeit und Scheinselbstständigkeit führte dazu, dass
heute jeder zweite Arbeitsplatz nicht mehr
sozialversicherungspflichtig und existenzsichernd ist. 3,4 Millionen
Beschäftigte arbeiten zu Hungerlöhnen. Ca. 1 Million BezieherInnen
von ALG II sind vollzeiterwerbstätig. 15 Millionen Menschen in der
BRD leben Anfang 2008 unterhalb der Armutsgrenze. Keine Regierung
der Nachkriegszeit in der BRD hatte eine so vernichtende Bilanz
aufzuweisen, wie die Regierung Schröder/Fischer mit ihrer Agenda
2010.
Die Agenda steht aber nicht nur eine für
vertiefte Spaltung der Gesellschaft, sondern auch für soziale und
politische Gegenwehr. Eine solche Politik unter einer SPD-Regierung
war vielen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern nicht mehr zu
vermitteln. Die SPD verlor 300.000 Mitglieder, darunter viele aktive
Gewerkschafter. Am 1.11.03 rief ein breites linkes Bündnis zu einer
Demonstration in Berlin auf. 100.000 kamen; ein größerer Akteur war
nicht dabei. Im Frühjahr 2004 demonstrierten nicht nur die DGB -
Gewerkschaften gegen die Agenda. Es startete zudem die erste
Initiative zur Gründung der WASG. Eine Wahlalternative zu allen
neoliberalen Parteien sollte geschaffen werden. Im Sommer 2004
protestierten Hunderttausende gegen die Einführung von Hartz IV.
Die beiden Bewegungen, die parlamentarisch und
die außerparlamentarisch orientierte, trafen sich. Binnen weniger
Monate strömten 5.000 Gegner der Agenda 2010 in die WASG. Die SPD
kam politisch unter Druck, wollte aber ihre Politik nicht
korrigieren. Um die aufkommende Konkurrenz von links klein zu halten
und sich in eine weitere Legislaturperiode zu retten, zog Schröder
die Bundestagswahl ein Jahr vor. Dieser Versuch, die Gegner der
Agenda aus dem Parlament fern zu halten, scheiterte gründlich. Unter
dem Druck der Notwendigkeit traten PDS und WASG als Linkspartei.PDS
an und zogen mit 8,7% in den Bundestag ein. Der Protest gegen die
Agenda 2010 hat seitdem eine parlamentarische Stimme und die
Stimmanteile der nun in der großen Koalition die Agendapolitik
fortsetzenden SPD schwinden weiter.
Agenda 2010 soll weg, ist damit leider noch
lange nicht überwunden. Der zermürbende Alltag der Armen und die
Orientierung auf die Partei DIE LINKE haben das Paradox erzeugt,
dass die neoliberale Hegemonie wankt, immer mehr Wähler links
votieren und gleichzeitig die Bewegung gegen Agenda 2010 und Hartz
IV versandet. Ohne eine kämpferische Bewegung von unten, ohne
millionenfachen Protest und Widerstand, ohne Streiks wird aber auch
DIE LINKE die neoliberale Agenda nicht überwinden. Agenda 2010 kann
nur durch eine Zangenbewegung zu Fall gebracht werden. Notwendig ist
nicht nur die Vertretung der Betroffenen in den Parlamenten, sondern
vor allem der Druck von Gewerkschaften und Erwerbslosen auf der
Straße.
Edith Bartelmus-Scholich, 13.3.08